FAVT - Freiburger Ausbildungsinstitut für Verhaltenstherapie an der Universität Freiburg GmbH

Fallseminar II

„Essentially, all models are wrong but some are useful“

 

Box & Draper (1987) S.424, zit. nach Siegfried Macho (2016):
Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie

 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

zum Ende der regelmäßigen Kurse am FAVT wird es die Möglichkeit zu einem erneuten Einbringen eigener Fälle i.R. eines Fallseminars geben. Die Idee zum Fallseminar enstand in einer Diskussion zwischen Franz Caspar und mir bzgl. der Frage: Kommen erfahrener Kliniker bei der Präsentation der gleichen Information zu den gleichen klinisch relevanten Vorgehensweisen? Welche Informationen werden als bedeutsam eingeschätzt, wie entwickelt sich innerhalb von relativ kurzer Zeit (Präsentation des Falles) die interne Landkarte des Klinikers? Während ursprünglich zwei Dozenten im Seminar vorhanden waren, wird das Fallseminar seit über 5 Jahren von einem Dozenten geleitet und findet ggw. zweimalig statt, am Ende des zweiten Ausbildungsjahres durch Ulrike Frank und am Ende des dritten Jahres durch mich.

 

Das Fallseminar orientiert sich wesentlich an einer Großgruppensupervision mit deutlich mehr zeitlichen Möglichkeiten im Vergleich zur normalen Gruppensupervision. In der Regel können ca. 5, ggf. auch 6 Fälle besprochen werden. Wesentlich erscheint dabei der Blick über den eigenen Gartenzaun hinweg und die aktive Beteiligung von allen am Kurs Beteiligten bzgl. des jeweiligen Einzelfalls. Ob bzw. was an den jeweiligen Eindrücken, Meinungen oder Konzepten hilfreich war, entscheidet die-/derjenige, die/der den Fall vorstellt.

 

Zu Beginn erscheint es mir notwendig, dass drei Ebenen unterschieden werden, die sich wechselseitig bedingen und je nach Ansicht auch überschneiden können:

 

1. Beziehung: Inzwischen dürfte die Bedeutsamkeit der therapeutischen Beziehung außer Frage stehen. Leider besteht keine hohe direkte Korrelation zwischen Qualität der therapeutischen Beziehung und dem therapeutischen Outcome. Sie stellt damit eher eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für eine erfolgreiche Behandlung dar. Etwas pointiert formuliert könnte man sagen: „Die therapeutische Beziehung ist nicht alles, aber ohne positive therapeutische Beziehung ist alles nichts“.

 

2. Erklärung: Was, wieso und warum sich ein Patient respektive auch eine Therapeutin oder ein Therapeut entsprechend verhält ist Ausdruck der eigenen Lerngeschichte sowie der eigenen, auf Therapeutenseite vorherrschenden theoretischen Perspektive. Hier gibt es innerhalb der VT seit Beginn der 90er Jahre einen „relativen“ Pluralismus an sich zunächst unterscheidenden Erklärungsansätzen. Der ehemaligen Diskussion störungs-/diagnosespezifisch vs. einzelfallorientiert zu Beginn der 90er Jahre ist ggw. eine Orientierung in Wellen in der Betrachtung gewichen.

 

3. Handlungsebene: Unabhängig von der jeweiligen Orientierung konnte z.B. in der Vanderbilt-Studie gezeigt werden, dass ca. 80% aller erfahrenen KlinikerInnen in vergleichbaren Situationen Vergleichbares tun – vgl. hierzu Thorndike, „Menschen halten sich in vergleichbaren Situationen vergleichbar“. Ob die 80% Übereinstimmung oder die 20% Differenz im weiteren Therapieverlauf ausschlaggebend sind, wird zu diskutieren sein. Hier sei mir ein Rückgriff auf Carl Valentin gestattet: „Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht“. Wesentlich erscheint für das Fallseminar jedoch, dass neben Erklärung, Beziehungsgestaltung und allen der konkreten Intervention vorgelagerten, notwendigen Vorarbeiten auch eine konkrete Hilfestellung in Richtung Intervention und Interventionsmöglichkeiten am Abschluss der Fallpräsentation steht.

 

Zur Fallpräsentation:

 

Etwa vier Wochen vorher hat Sie die zweite Mail bereits erreicht. Von einer Powerpoint-Präsentation bzgl. des Falles bitte ich Abstand zu nehmen, vielmehr erscheint mir eine kurze, sehr persönlich gehaltene Fallsichtweise zum gegenwärtigen Stand der Behandlung bzw. zu gegenwärtigen Problemstellungen vollkommen ausreichend. Ein kurzer Videoabschnitt würde die Sache erleichtern, ist jedoch nicht zwangsweise notwendig. Über die konkreten Fragestellungen zur Fallpräsentation wurden Sie bereits in der ersten Mail informiert.

 

Zum Abschluss sei mir noch aufgrund der jahrelangen Betreuung des Fallseminars folgende persönliche Erfahrung mit dem Seminar gestattet – keine Angst, sie wird kurz ausfallen:

Es besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen der Scheu, einen eigenen Fall zu präsentieren und dem seit vielen Jahren berichteten Nutzen durch bzw. im Anschluss an die Fallpräsentation. Soweit Sie also entsprechende psychophysiologische Reaktionsbildung bei sich selbst wahrnehmen würden, wenn Sie an die Möglichkeit denken, dass Sie einen Fall vorstellen, so wären Sie bereits einen ersten Schritt in Richtung Ihrer Fallpräsentation in der Gruppe gegangen.